2026-07-31
1
„Von der nächsten Trophäe erzähle ich dir besser zuerst, damit du keinen Schreck kriegst. Zumal sie nicht ganz leicht sind“, erzählte der Offizier weiter. „Denn die eine stammt von der fliegenden Schlange. Eine ihrer grünen Schuppen.“ „Den Schädel hat sich leider der König gekrallt, als er die Schlachtung des Leichnams veranlasste“, brummte Mathias, doch da konnte die Wolffrau nur auflachen: „Solch einen riesigen Staubfänger brauchen ich auch nicht. Soll er sich ruhig den Palast damit verstellen.“ „Wir haben dir dafür einen wesentlich kleineren Schädel mitgebracht“, sprach Eisenhauer weiter. „Den der Mörderechse, die dich anfiel. Wir haben ihr außerdem Schuppen und Fell abgezogen.“
2
„Ich war dagegen“, verkündete Diego, nachdem Odette für mehre Momente verstummt war. Ihr Gesicht war vollkommen bleich. Eisenhauer räusperte sich: „Ich kann verstehen, wenn das für dich zu viele schlimme Erinnerungen hervorruft. Ein Wort von dir und wir verbrennen …“ „Ich will den Schädel sehen“, rutschte es der Wolffrau heraus, so Mathias und Diego überraschend, doch der Offizier nickte nur und befahl. Das Holen des Schädels bedurfte etwas mehr Zeit und sowohl die beiden jungen Männer als auch die Lamia mussten anpacken, um ihn ins Zimmer zu tragen und neben dem Bett sachte auf den Boden abzustellen. Vorsichtig rollte sich Odette zu der Kante und warf einen Blick herab. Sofort überkam sie ein Schauer und ihr Stumpf schmerzte, denn unter ihr stachen aus dem geschlossenen Maul die unzähligen spitzen Zähne hervor, die ihren Unterschenkel zer- und abgerissen hatten. Doch sie verspürte sonst keine Angst. Die großen Augenhöhlen waren leer, keine unter Fell verstecken Augen, die nach Beute suchten. Keine Muskeln hingen mehr an den Kiefern, sodass sie nie wieder einen Biss vollführen könnten. Und die Nasenlöcher waren genau dies: Löcher. Den Schädel so zu sehen, wie er nichts mehr als eine harte Erinnerung an die Bestie darstelle, während sie lebte und amtete, bescherte ihr tatsächlich etwas Genugtuung. Deshalb verkündigte sie: „Ich denke, ich behalte ihn. Und das Fell. Ist es groß genug, um daraus ein Sessel zu machen?“
3
„Mehr als genug“, vernahm es Eisenhauer erheitert und stand auf. „Damit solltest du auch die Mittel haben, um ihn von einem Meister anfertigen zu lassen.“ Er legte ihr auf den verdeckten Schoß zwei Urkunden, eine auf teutonisch und eine auf gallisch. Verwundert las sie und ihre Augen weiteten sich: Wenn sie diese gehobenen, etwas sperrigen Ausdrücke richtig entzifferte, versprach das Militär ihr eine ungeheur große Summe zu überreichen. Fassungslos starrte sie Eisenhauer an: „Ich … verstehe nicht … Wofür …?“ „Ist für deinen Kraftstuhl“, eröffnete der Offizier. „Erinnerst du dich noch, wie ich dich vor der Schlacht anregte, dir einen Morgen vorzustellen.“ „Natürlich“, nickte Odette. „Ich wollte Stoffe für Kleider weben, für jene, die alles verloren haben. Das war aber doch nur ein naiver Traum, damit ich voranschreiten kann. Nie im Leben malte ich mir aus, das Geld dafür zu bekommen. Wo kommt es her?“ „Von uns“, erklärte Mathias. „Jeder in unserer Kompanie hat etwas dazu beigesteuert. Wie wir es geschworen hatten.“ „Aber … aber selbst dann sollte es doch nie im Leben reichen, um den ungeheuren Preis eines Kraftstuhls zu bezahlen“, stammelte Odette weiter. „Eine Kompanie allein nicht“, stimmte nun Diego zu. „Doch deine Heldentat sprach sich in ganzem Heer um. Als dann auch dein Traum umherhuschte, wollte sogleich jeder etwas der ‚Drachenmücke‘ spenden. Selbst den Adligen verlangte es nach Großzügigkeit und man munkelt, selbst der König stiftete etwas dazu.“ Latifa schlängelte tänzelnd am Bett herum und sagte: „Jeder gab Gold.“ Hastig musste Odette die beiden Urkunden von sich wegziehen, damit ihre Freudentränen nicht die Tinte auf dem Papier verwischten.
4
Nachdem die freudige Odette noch ein paar schönen Stunden mit ihren Kameraden verbrachte, verabschiedete sich der Offizier und die anderen, sodass nur Mathias zurückblieb, um sich ihr Bein anzusehen. Hierbei erzählten er und Camile ihr noch so einiges. Die Schwester vor allem, was in ihrer kleinen Stadt alles passiert war, während Odette weg war. Mathias hingegen mehr darüber, was ihre überlebenden Kameraden taten, während das Regiment hier stationiert war, um die Ordnung zu wahren und beim Wiederaufbau zu helfen. „Und ich war die ganze Zeit im Sattel, von einem Ort zum anderen, um bei unseren verletzten Kameraden mit meiner Blutmagie die Wunden zu pflegen.“ „Hast du deshalb so dicke Augenringe?“, fragte Odette. „Bekommst du nicht genug Schlaf?“ „Doch schon“, winkte Mathias ab. „Es ist eben nur kräftezehrend, das Reiten und Blutschenken.“ Da giggelte Camile: „Warum hast du dann jede zweite Nacht am Bett meiner Schwester gewacht?“ „Ähm, weil ich als Magier eben nur jede zweite Nacht schlafen muss“, stammelte Mathias rot werden. „Das hatte sich einfach so ergeben.“ „Oh, dann seid ihr also nicht zusammen?“, fragte die kleine Schwester geradeaus hinweg. Nun schoss Odette das Blut ins Gesicht: „Nein, wir sind nur gute Kameraden.“ „Ja, Kameraden, … die durch dick und dünn gehen“, fügte Mathias hinzu, doch dies überzeugte Camile sichtlich nicht und sie hakte frech nach: „Ist dann also dieser Diego dein Geliebter, Odette?“ „Nein, der auch nicht“, stieß Odette aus und Mathias brummte empört: „Der erst recht nicht.“
5
„Warum sieht du mich so an?“, fragte der Blutmagier, als Odette ihn nach seinen letzten Worten tief ansah. Sie wurde verlegen: „Ich … wunderte mich, wie lange du noch bleibst? Jetzt, wo ich doch wach bin.“ „Nun, ein bisschen muss ich noch auf dich achten. Und auf die anderen“, antwortete der Blutmagier ebenfalls verlegen. „Danach … nun, ich denke darüber nach, Medizin zu studieren. Ein richtiger Heiler zu werden. Und danach, danach … nun, ich könnte mir vorstellen, mich hier als Landarzt niederzulassen.“ Da wurde der Wolffrau ganz warm in der Seele. Nicht nur, weil sie vielleicht doch etwas mehr in Mathias sah, als einen Kameraden. Sondern auch, weil sie an Liebe dachte. Etwas, was nicht für sie existiert hatte, als sie in der Finsternis des Krieges gefangen war. Ein neuer Morgen war wahrhaftig angebrochen.
Damit ist diese Geschichte zu Ende. Eine neue wird am 14. August 2026 beginnen.
Admin - 08:41:39 @ Erzählung, Historische Stücke